Als die Ting Tings Mitte 2010 die Effektpedale fürs Erste an den Nagel hingen, hatten sie zwei ereignisreiche Jahre hinter sich: das Debütalbum "We Started Nothing" nebst Hitsingles ("Great DJ", "That’s Not My Name" etc.) hatte die beiden innerhalb kürzester Zeit (allerdings eher widerwillig) zu internationalen...
Chart-Stars gemacht. Doch damit nicht genug: die Integration ihres Songs „Shut Up And Let Me Go“ in eine iPod-Werbekampagne öffnete ihnen auch Tür und Tor zum US-Markt. Die Folge: ein Jahr nach der Veröffentlichung ihres erstes Albums in den Vereinigten Staaten spazierten sie den roten Teppich bei den Grammy Awards herunter, geadelt mit einer Nominierung als „Bester Newcomer“.
Die Grammys waren für die Ting Tings gleichzeitig der Startschuss zum zweiten Album. Den beiden wurde klar, dass es höchste Zeit war, alle Popstar-Illusionen hinter sich zu lassen und den Blick wieder auf die Realität zu richten. Sie zogen nach Ostberlin und nisteten sich in einem ehemaligen Jazzclub in der Frankfurter Allee ein, wo sie allerdings schnell auf große musikalische Probleme stießen. „Es war grauenvoll“, erinnert sich Katie. „Wir nahmen ein komplettes Album in Berlin auf und verwarfen es anschließend wieder”, sagt Jules. „Wir waren schon beim sechsten Stück, als uns klar wurde, dass wir auf dem Holzweg waren“.
Zu Beginn des Jahres 2011 erlebten die Ting Tings einen „alles in die Tonne”-Moment mit ihrem Labelboss Rob Stringer in New York. In einem spontanen Akt von A&R-Magie erklärte er ihnen nach Abhören eines Demos, dass sie sich keine Sorgen über Hits machen sollten. Er ordnete viel mehr an, sie mögen doch bitte ganz schnell ihre kommerziellen Instinkte abstellen. „Diese Aussage klingt ja aus heutiger Sicht schon sehr eigentümlich“, sagt Katie, „aber stell dir mal vor, wie verrückt das erst damals klang? Aber irgendwie machte dann doch alles Sinn. Er will ein Label, bei dem Bands unterschreiben wollen. Er hat das Konzept, eine Heimat für Künstler zu schaffen, wirklich verinnerlicht.“
Im April übersiedelten sie von Berlin ins südspanische Murcia. Album Nummer zwei, das möglicherweise korrekterweise den Arbeitstitel „Album Nummer drei“ hätte tragen sollen, nahm im Nu an Fahrt auf - ab jetzt ging es im vierten Gang weiter. Den Benchmark-Hit des Albums mit dem Titel „Hit Me Down Sunny“ schrieben sie innerhalb eines Tages. „Zuvor war alles eine große Qual gewesen. Doch plötzlich war das nicht mehr der Fall. Jedes Mal, wenn Katie in den Aufnahmeraum ging, traf sie die Sache auf den Punkt. Die Texte waren klasse. Die ganze Last, die wir auf unseren Schultern gespürt hatten, war wie weggeblasen. Es machte wieder Spaß. Unsere ureigene Energie war wieder die Treibfeder für alles.”
Im Verlauf dieses Prozesses hatten die beiden gelernt, sich die Freiheit zu nehmen, sich in allen Genres zu bewegen. Eine Lektion, die sich auch in der Namensgebung des Albums niederschlägt: „Sounds From Nowheresville“. Die Vorab-Single „Hang It Up“ eröffnet das neue Spektrum: los geht es mit einem Zwei-Akkord-Gitarren-Riff, der ein wenig an Le Tigre erinnert, aber auch ein wenig an die Beastie Boys. Die aus der Kunst entliehene Metapher „hanging a painting and hanging up your fear”, die im Zentrum von „Hang It Up” steht, wird dann im Song „Guggenheim“ auf den Kopf gestellt. Das Stück, dessen Refrain mit dem Vorschlag aufwartet, das eigene Make-Up im Stile des weltberühmten Museums zu gestalten, entstand auf dem Rücksitz eines Autos auf dem Weg zu einer Party. „Der Text sprudelte nur so aus Katie heraus“, erinnert sich Jules. „Während der Aufnahmen waren wir völlig furchtlos. Was ist das? Sixties Pop? Spoken Word? Die Shangri-Las? Und dazu dieser Punk-Refrain? Wer macht sowas heutzutage schon?”
Musikalisch haben sich die Ting Tings auf „Sounds From Nowheresville” komplett freien Lauf gelassen. Auf „Silence“ finden sich Synthesizer-Riffs, die ihren Ursprung im OMD’schen Kammerpop weder leugnen können noch wollen. Während dessen liefert sich ein Rezillos-hafter Buzz einen Battle mit altbewährten Ting Tings-Einflüssen wie Tom Tom Club – und das alles innerhalb der magischen „perfect pop song“-Marke von drei Minuten. Einer von Katies Top-Favoriten auf dem Album, „Day To Day“, klingt wie ein Song aus der Hochzeit der R&B-Girlband TLC, geschrieben von einem Mädchen aus dem nordenglischen Wigan. „Ich habe sie geliebt. Warum sollte man nicht etwas in diesem Stil machen?”, fragt Katie. Und die Antwort ist klar: eben. Warum nicht? Wenn es so gut funktioniert wie hier.
Quelle: Columbia
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